"Wenn die Sprache nicht stimmt, dann ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist.

Ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen keine guten Werke zustande.

 

Kommen keine guten Werke zustande, so gedeihen Kunst und Moral nicht.

Gedeihen Kunst und Moral nicht, so trifft die Justiz nicht.

Trifft die Justiz nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen.

Also dulde man keine Willkürlichkeit in den Worten.

Das ist es, worauf es ankommt."

(Konfuzius)

I. "Wenn Ihr nicht werdet, wie die Kinder.... kommt Ihr nicht ins Pfarramt oder bleibt nicht darin."

(frei nach Mt. 18,4)

Wenn die Sprache nicht stimmt

Vor einigen Jahren hatte ich einmal ein vertrauliches Gespräch mit dem Direktor eines kirchlichen Fortbildungsinsitutes - einem älteren, ein wenig kränkelnden Mann mit hellwachem Verstand. Er sagte, wohl in väterlich-mahnender Absicht: "Lieber Bruder, Ihre Sprache muß sich ändern. Wie Sie reden, werden Sie noch viel Ärger in der Kirche bekommen. Ich habe früher - als junger Mann - auch so gerade heraus gesprochen. Die Sprache Kanaans fiel mir sehr schwer. Ich habe gelernt, sie zu sprechen. Das sollten Sie auch versuchen, sonst wird das in der Kirche nichts mit Ihnen."

Ich habe ihm geantwortet: "Es freut mich und ich bin dankbar, einem so offenen Menschen zu begegnen, der das, was ihn stört, auch anspricht. Ich finde es gut und hilfreich von Ihnen zu hören, daß Sie als junger Mann auch so gerade heraus gesprochen haben. Das macht mir Hoffnung, eines Tages noch Direktor eines kirchlichen Fortbildungsinsitutes zu werden." Dann haben wir beide gelacht.

Nun, das mit dem Direktorenposten wird wohl nichts mehr werden. In Erinnerung geblieben ist mir diese Begegnung, weil der Direktor dieses Institutes - immerhin ein erfahrener Pfarrer - das ausgesprochen hat, was ich schon immer vermutet habe: In den Zusammenhängen kirchlicher Strukturen entscheidet die Sprache (wie in anderen Bereichen unserer Gesellschaft übrigens auch, aber nirgendwo so ausschließlich) über drinnen und draußen, über Aufstieg und Abstieg.

Und die Sprache verrät noch mehr:

Schalt das Radio aus oder wechsle den Sender!

Wenn meine Frau und ich morgens zusammen frühstücken, ist in der Regel auch das Radio eingeschaltet - Musik, Nachrichten, Reportagen und das Wetter. Weil wir nebenher auch noch die Tageszeitung lesen, hören wir allerdings nicht immer hin, was gerade so gesendet wird. Kommt aber die morgendliche Andacht (die Zeit dafür muß jeder öffentlich-rechtliche Sender den Kirchen zur Verfügung stellen), sagt meine Frau immer wieder: "Daß man denen schon am Tonfall anhört, was es sein soll." Gemeint ist das Sprechen ohne Emotionen, ohne Höhen und Tiefen, ein gleichbleibendes Leiern, dessen Wiedererkennungswert zwar sehr hoch ist (wie gesagt, jeder weiß gleich, was gerade angesagt ist), aber die mit der Melodie der Stimme einhergehende tiefere Wirkung verursacht gerade das Gegenteil von dem, was eigentlich gewollt sein müßte. Statt frohe Botschaft zu verkünden, wird depressiv machender Schallschaum produziert. Für mich hat die Stimme etwas mit der Stimmungslage zu tun. Meine Frau und ich sind jetzt dazu übergegangen, wenn das Leiern beginnt, das Radio abzuschalten oder einen neuen Sender zu suchen.

Ach, wie niedlich!!!

Unsere Tochter erzählte neulich eine Begebenheit aus dem Religionsunterricht in der Schule. Eine Schülerin hatte den Religionslehrer gefragt, wie denn das Erdöl entstanden sei. Der mit der Beantwortung der Frage offenbar überforderte Lehrer sagte: "Das kann euch der Acki viel besser erklären. Ich kenn' den Acki gut. Ich werd' mal mit ihm reden." Mit "Acki" war der Geographielehrer Herr Ackerlin gemeint, der sich, als die Kinder ihn daraufhin ansprachen, doch sehr über den ihm vom Religionslehrer beigelegten Kosenamen wunderte.

Andere heißen "Ecki" statt Eckhardt oder "Charly" statt Karl. Auch der Dienstvorgesetzte wird "zärtlich" mit einem Kosenamen belegt. Man spricht in geweihten Kreisen nicht vom Superintendenten, sondern kurz und bündig vom "Sup".

Hinter dieser Kosenamen-Mentalität, die in einer Familie oder bei wirklich guten Freunden ihren Platz hat, jedoch in beruflichen, hierarchischen Strukturen eher Anlaß zum Nachdenken geben muß, hinter dieser Kosenamen-Mentalität läßt sich wohl mit Recht die theologisch-psychologisch manipulierte Illusion des "Wir-sind-doch-alle-eine-große-Familie" vermuten, ein naives "Kuschel-Friede-Freude-Eierkuchen-Fest".

Diese kindhaften und nicht einmal pubertär zu nennenden o.g. Sprachmuster machen deutlich, daß bei den Beteiligten dieses großen "Spielfestes" die Identitätsentwicklung in Richtung Erwachsenwerden wohl nicht mehr stattfinden wird. Der theologisch-psychologische Überbau und die latenten hierarchischen-patriachalischen Strukturen verhindern ein Erwachsenwerden in der evangelischen Kirche. Wer es dennoch wagt, bekommt gewaltigen Ärger.

Daß die Kirchenoberen gegenüber biologisch Erwachsenen die Elternrolle einnehmen wollen, lassen weitere Sprachmuster erkennen. Immer wieder ist im Zusammenhang dienstlicher Gespräche und Schriftsätze zu hören und zu lesen: "In Ihrem eigenen Interesse...raten wir, fordern wir Sie auf, sollten Sie..." (Wer so spricht, meint in der Regel eher sein eigenes Wohl. Dahinter steht auch die "elterliche" Festellung: "Ich kenne dein Wohl und deine Interessen, weil ich dich besser kenne, als dir lieb sein kann"). Oder wenn dienstvorgesetzte Superintendenten und Landeskirchenräte Pfarrer bei ihrer Berufsehre packen und sie ermuntern: "Sie sind doch Pfarrer, seien Sie mal ehrlich (als sei man sonst nie ehrlich), mir können sie es doch erzählen." So reden Eltern mit ihren unartigen Kindern. Man setzt dabei auf eine Art von vorauseilendem Gehorsam (und der Schere im Kopf s.o.), indem man erwartet, daß der Gesprächspartner die hinter den eben erwähnten Sprachmustern liegenden drohenden Sanktionen erkennt und einlenkt. Hierher gehört auch die berühmte kirchliche "Verschwiegenheit". Wer als Kollege oder als Gemeindeglied eines im Abberufungsverfahren stehenden Pfarres versucht bei Presbytern, beim Superintendenten oder beim Landeskirchenamt sich über Gründe und Hintergründe zu informieren, bekommt eine stereotype Antwort, gesetzt mit folgenden (oder ähnlichen) Worten : "Das unterliegt der Schweigepflicht. Aber da sind Vorwürfe, ich kann Ihnen sagen, aber ich darf Ihnen versichern, wir haben es uns nicht leicht gemacht, aber es ging nicht mehr anders. Das Beste wird sein, damit Sie nicht auch noch da hineingerissen werden, sie halten sich heraus. Außerdem dürfen wir nicht in ein laufendes Verfahren eingreifen und dem Gericht vorweggreifen". Dem Aufmerksamen wird die dahinter liegende Botschaft nicht verborgen bleiben: "Du hast keine Ahnung. Ich weiß mehr als Du. Halt Dich heraus, sonst bekommst Du Ärger." Oder anders formuliert: da möchte jemand nicht, daß sein Handeln ans Tageslicht kommt und fordert blinden Führungsgehorsam nach dem Motto: "Vertrau' mir, mein Kind! Ich will doch nur dein Bestes." Aber das Beste darf man ihnen um Gottes Willen nicht geben!

Die Kosenamen-Dienstbezeichnung "Sup" für Superintendent fokussiert die verniedlichenden und die in innerlichem Zusammenhang damit stehenden Sprachmuster mit Drohgebärden. In England ist der Superintendent ein höherer Polizeibeamter. Ich vermute, in diese interessante sprachliche Parallele läßt sich auch so mancher Superintendent einordnen.

Die Amerikaner, berühmt für die Erfindung von Kurznamen, nennen ihre Polizisten "Cop", hört sich doch irgendwie ähnlich an wie "Sup", oder?

Alles klar, Herr Kommissar?!

Die Macht des Wortes oder das Machtwort?

Wer die letzten Seiten des monatlich erscheinenden kirchlichen Amtsblattes durchliest, dem fällt die zumeist bescheidene, nur bei ehemaligen Superintendenten und anderen Kirchenoberen größer ausfallende, mit schwarzem Rand versehene Anzeige der verstorbenen kirchlichen Amtsträger auf. Und immer ist darüber zu lesen: "Aus diesem Leben abberufen wurde(n):"

Gott ruft ins Leben und wieder heraus, eine alte theologische Wahrheit. Aber was macht der Mensch in der Zeit dazwischen? Auch da ruft Gott, zumeist in Form eines Berufes. Dieses Wort "Beruf" ist der religiösen Vorstellung von der Berufung entlehnt - ein von Gott legitimiertes Handeln im gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext. Die säkulare Gesellschaft hat - aus guten Gründen - aufgehört, den Beruf religiös zu begründen. Die Kirche nicht. Der Pfarrer muß sich von Gott irgendwie "berufen" wissen. Da sind sich evangelikale und liberale Christen - ohne es zu wollen - ziemlich einig. Die einen reden von einer persönlichen Berufung durch Gott, die anderen davon, daß man diesen Beruf nicht ohne einen festen Glauben ausführen kann, da doch "besondere" Anforderungen an den Pfarrer gestellt werden. Wie diese "besonderen Anforderungen" aussehen: Für alle da sein (wer kann das?), niemandem ein Ärgernis geben (wieder so eine "Braves-Kind"-Verhaltensmaßregel) usw.. Die "besonderen Anforderungen" sind eine lange Liste einer Arbeitsplatzbeschreibung, die jedem modernen Personalmanagement Hohn und Spott sprechen.

Ich mag übrigens dieses Wort "besonders" gar nicht, weil es in der Kirche immer nur "besondere Situationen" gibt oder "in diesem besonderen Fall" die Dinge natürlich völlig anders liegen. Immer wieder wird "sondiert". Damit sollen Rückschlüsse auf regelmäßiges Handeln und Entscheiden der Kirche verhindert werden. Zudem schafft man sich damit den notwendigen Spielraum für eine sehr "individuelle" Behandlung des Probelms bzw. des Pfarrers/der Pfarrerin. Dafür hat dann auch jeder Verständnis. Da nutzt die Kirche den Spielraum, den die Kirchengesetze dem "Evangelium" lassen. Hier scheinen mir Abraham Lincolns Worte, die sich in der ersten Inaugural-Ansprache von 1861 finden, vorzüglich zu passen: "Keine Regierung hat je ihr eigenes Ende in ihren eigenen Gesetzen vorgesehen." Die PfarrerInnen und auch andere kirchliche MitarbeiterInnen wären wohl besser dran, wenn niedergeschriebene, für alle nachvollziehbare und verbindliche Spielregeln eingehalten würden. Bei dem Wort "besonders" gilt es im Kontext kirchlichen Handelns und Entscheidens, also besonders vorsichtig zu sein. Dies gilt auch für alle anderen Formen, die sich vom Verhältniswort "sonder" ableiten. Der Pastor im Sonderdienst sei hier angeführt. Die Errichtung dieser Stellen beruht nicht nur auf reiner Geschwisterliebe. Hier wird auch ein weiterer Selektionsprozeß durchgeführt, es wird "sondiert" - Pastor im Sondierdienst". Hier ersparen sich Kirchenobere auch lästige Verfahrenswege, um einen unbequemen Pastor auszusondieren.

Zurück zur Berufung:

 

Im Zusammenhang meines kirchlichen Verwaltungsverfahrens habe ich von meinen Antipoden häufig zu hören bekommen, ich würde meinen Beruf nicht als Berufung verstehen, was so ziemlich das Gleiche bedeutet wie: "Du bist eben kein richtiger Pfarrer." Und hier wird das Problem der religiösen Begründung des Berufes sehr deutlich. Wer entscheidet darüber, ob jemand "berufen" ist oder per Berufungsurkunde "berufen" werden soll. Wer hat den mit einer "Berufung" verbundenen Verhaltenskodex aufgestellt? Wer hier glaubt, entscheiden zu dürfen, will sich selbst zum Richter erhöhen und Gott vom Sessel schubsen. Aber die Kirche handelt ja als Stellvertreterin Gottes auf Erden - mit dem dazugehörenden Machtanspruch versteht sich. Diese doch eher katholische Haltung trifft auch, so scheint es, auf die evangelische Kirche zu. Einige Sprachmuster deuten darauf hin: Gott beruft und die Kirche "beruft" im Namen Gottes. Aus diesem Leben werden wir von Gott abberufen, die Kirche "beruft" aus Pfarrstellen ab, wobei "abberufen" im Verwaltungsakt mit der gleichen mortalen Semantik belegt ist, wie die Abberufung aus diesem Leben- gemeint ist der Tod - der physische hier und der "berufliche" dort. Der Machtanspruch tritt in diesem Sprachmuster ganz deutlich zu Tage. Daher sollten, das ist mein Vorschlag, auch die Mitteilungen über die Abberufung aus der Pfarrstelle in einer mit breitem schwarzem Rand versehenen Anzeige im kirchlichen Amtsblatt erscheinen.

Kirchliche Sportveranstaltungen

In Dienstgesprächen mit dem Superintendenten und im Landeskirchenamt, in Presbyteriumssitzungen, mit dem Kreissynodalvorstand und Vertretern der Landeskirche kam eine immer wiederkehrende Redewendung, die, so stereotyp wie sie vorgetragen wurde, vermutlich nicht nur mir entgegengehalten wurde: "Man kann den Menschen nichts überstülpen." Dies ist zumeist eine bloße Behauptung und natürlich wieder so eine Eltern-Kind-Floskel. Die, die Mobbing betreiben, dulden oder sonst in irgendeiner Weise dieser Form des Psycho-Terrors Vorschub leisten, werden zu Opfern des bösen Pfarrers gemacht, der ihnen etwas überstülpen wollte. Nun wehren sie sich gegen ihren Bedränger und das Landeskirchenamt muß den Unterdrückten beispringen, weil die armen Mobber sonst nicht mit dem Pfarrer fertig werden. Der Gott des Mobbing fordert sein Opfer und das Landeskirchenamt bringt es willig dar, wie die Abberufungen, die "freiwilligen" Versetzungen in den Wartestand und die Vermittlungspraxis auf dem Pfarrstellen-Verschiebebahnhof vermuten lassen.

"Man kann den Menschen nichts überstülpen." Zuweilen folgt diesen Worten noch eine etwas dürftige theologische Erweiterung: "Sie müssen mit den Menschen um die Wahrheit ringen." Diese Anspielung auf Jakobs Kampf am Jabbok (1.Mose 32, 23-33) schlägt im Zusammenhang des "Überstülpens" dem Faß den Boden aus. Man stelle sich einmal vor, wie zwei miteinander ringen. Da wird an den Kleidern gezerrt, da versucht man den anderen von der Matte zu bekommen oder auf die Matte zu legen, mit dem Rücken nach unten. Das ist ein Kampf unter den Bedingungen und Spielregeln eines sportlichen Wettbewerbs. Aber beim griechisch-römischen Freistilringen der evangelischen Kirche, da gibt es keine Spielregeln. Das ist keine sportliche Auseinandersetzung, weil die evangelische Kirche keinen Sport treiben kann, will sagen, weil die evangelische Kirche nicht fähig ist, Konflikte unter Einhaltung gewisser Spielregeln auszutragen. Sie ist konfliktunfähig, und wenn sie noch so oft versichert, daß es sicher auch unter Christen zu Konflikten kommen kann. Na klar, kommt es ja auch. Nur werden diese Konflikte immer einseitig zuungunsten des Schwächeren gelöst - ausgrenzen, abberufen, rufschädigen, usw. Die Kirche hat offensichtlich immer noch nicht begriffen, daß Kritik nicht ihrem Ansehen schadet, sondern wichtige Erneuerungsprozesse in ihr fördert.

"Sie müssen mit den Menschen um die Wahrheit ringen." Und wie ist das mit den Menschen, müssen die nicht auch mit dem Pfarrer "um die Wahrheit ringen"? Ich glaube, hier ist seitens der Kirche, die Abberufungen zeigen es, eher das Ringen ohne Gegner gemeint, was letztendlich doch soviel bedeutet wie: Unter Christen gibt es keine Konflikte. "Wir dulden keine Störung unseres großen Kuschel-Friede-Freude-Eierkuchen-Spielefestes". Wie gesagt, die Identitätsentwicklung in Richtung Erwachsenwerden findet nicht statt. Oder sollten wir besser sagen, sie muß verhindert werden?

Eine juristische Landeskirchenrätin sagte einmal: "Den jungen Pfarrern fehlt es an der nötigen Demut, die müssen wieder demütiger werden." Aus dem Munde einer Juristin, die selbst einen knallharten und unerbittlichen Umgang mit Pfarrern pflegt, klingt das wie Hohn. Gemeint dürfte hier wohl sein: "Du bist ein unartiges Kind. Mama hat's gar nicht gerne, wenn du ihr widersprichst." Die Landeskirchenrätin setzt hier Demut mit "devot" gleich, einer unterwürfigen Gehorsamshaltung gegenüber kirchenleitenden Behörden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Haben landeskirchliche Disziplinierungsmaßnahmen eine andere Lesart des Gleichnisses vom Pharisäer und vom Zöllner entwickelt? Da ging ein Mensch, ein Pfarrer, hinauf ins Landeskirchenamt, um vor das kirchliche Verwaltungsgesetz zu treten, personifiziert durch einen Landeskirchenrat. Der Pfarrer stand da verunsichert, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Landeskirchenrat, sondern schlug sich an die Brust und sprach: 'Herr Landeskirchenrat, seien Sie mir Versager gnädig!' Der Landeskirchenrat aber schwieg und betrachtete sich den Pfarrer und dachte: 'Ich bin froh, daß ich nicht bin, wie dieses kleine Pfäfflein. Ich habe die kirchliche Karriereleiter erklommen und kann schalten und walten, wie ich will'. Ich sage euch: Dieser ist gerechtfertigt im Landeskirchenamt, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der erniedrigt andere; und wer sich selbst erniedrigt, der wird auch von anderen erniedrigt.

II. "Viele unter ihnen sprachen: Er hat einen bösen Geist und ist von Sinnen..." (Joh. 10,20) oder: Jetzt wird's gefährlich

Jetzt wird's ernst. Wenn Kirchenobere mit Ihren elterlichen Mahnungen, Weisungen und Drohungen nicht so recht zum Zuge kommen, versuchen sie den Pfarrer/die Pfarrerin zu kriminalisieren und zu psychiatrisieren. Positiv daran ist, daß sie den Pfarrer/die Pfarrerin beginnen ernst zu nehmen. Die gewählte Form der Waffen allerdings vermutet man im Zusammenhang kirchlichen Sprechens und Handelns nicht. Wer hier allerdings - geschichtskundig - Vergleiche zieht, der findet sicherlich Parallelen.

Da wird dem Betroffenen z.B. unterstellt, daß er "keine angemessene Wahrnehmung der Wirklichkeit besitzt". Diese Formulierung sucht man zwar vergeblich in psychiatrischen Fachbüchern, sie zielt aber eindeutig darauf ab, dem Pfarrer/der Pfarrerin die Diagnose "psychische Erkrankung" zu stellen. Wenn man sich diese Formulierung einmal etwas genauer anschaut (für andere Formulierungen mit gleicher Intention gilt das gleiche), fällt auf, daß hier ein Machtanspruch geltend gemacht wird, der in seiner Brutalität ungeheuerlich ist: "Wir setzen die Wirklichkeit, wir bestimmen die Wirklichkeit. Wir sagen, was 'angemessen' bedeutet." Hinter der Strategie, die Betroffenen zu psychiatrisieren, steckt die Angst vor Machtverlust. Nur vor diesem Hintergrund ist eine solche "Reaktion" zu verstehen.

Ein Beispiel:

Gemeindeglieder demonstrieren auf der Tagung einer Landessynode. Sie wollen ihren Pfarrer behalten, gegen den ein Abberufungsverfahren eingeleitet wurde. Es kommt zu einigen Gesprächen. In einem Gespräch äußert ein Landespfarrer, daß es ja auch nicht hingenommen werden kann, daß Pfr. X (der von Abberufung bedrohte) nackt im Fernsehen aufgetreten sei. Auf die Entgegnung von Gemeindegliedern, daß es solche Bilder nachweislich nicht gebe, bekommen sie zur Antwort: "Aber unter dem Talar war er nackt." Es ist zu vermuten, daß dieser Landespfarrer zuvor die Wiederholungen der Serie "Oh Gott, Herr Pfarrer!" im Fernsehen gesehen hat. Dort gibt es eine Szene, in der der Pfarrer mit seiner Frau schläft und darüber beinahe einen Beerdigungstermin vergißt. In letzter Minute kommt dem Pfarrer der Termin wieder in Erinnerung. Er greift wahllos einige Kleidungsstücke, zieht sie an und darüber den Talar. Gezeigt wird dann in einer Schlußeinblendung, daß der Pfarrer unter dem Talar eine verwaschene Jeanshose trägt.

"Aber unter dem Talar war er nackt". Der Landespfarrer, der zur Aufrechterhaltung seiner gesetzten Wirklichkeit einfach über die Nackheit den Talar stülpt, verkörpert mit seiner Aussage ja nur die berühmte "Spitze eines Eisberges". Im Grunde genommen ist er (freiwillig oder unfreiwillig) Mitspieler in einem Kinderspiel geworden. Wir haben es früher oft gespielt: "Stille Post". Einer sagt dem anderen etwas ins Ohr und was dann am Ende herauskommt, klingt ähnlich abenteuerlich und lustig (in den Bezügen kirchlicher Spielregeln gibt es allerdings nichts zu lachen), wie dieser "nackte Pfarrer vor laufenden Fernsehkameras".

Eine symbolische Deutung der "Nackheit" zeigt das Dilemma kirchenleitender, theologischer Vorstellungen vollends auf: Sieht man einmal ab von einer im kirchlichen Denken immer noch nicht aufgearbeiteten Sexualität (das wäre noch einmal ein eigener Kritikpunkt) fällt auf, daß die Nackheit als nicht kirchengesellschaftsfähig und auch nicht als Grundbefindlichkeit menschlicher Existenz verstanden wird. Nacktheit als theologisch-anthropologisches Symbol zeigt an, daß wir vor Gott nichts vorzubringen haben - keine Kleidung, keinen Schmuck, keine berufliche Stellung, kein soziales Prestige. In der Sprache der Bibel und der Reformatoren: 'Wir sind allzumal Sünder'. Die Botschaft der Nackheit lautet in anschaulichem Neuhochdeutsch: Wir sind alles kleine Würstchen, weil: nackt sind wir alle. Und gerade das läßt kirchenleitende "Wirklichkeitssetzung" nicht zu. Die Nacktheit wird kaschiert mit der Amtstracht der Behördenmacht. Die Angst vor dem Machtverlust ist wohl zu groß. "Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich." (1.Mose 3, 9+10) Hat in der hierarchischen Vorstellungswelt der verwalteten Kirche der Sündenfall nicht stattgefunden?

Das Wort "angemessen" muß in seinem kontextuellen Bezug noch etwas genauer betrachtet werden:

Zu bestimmten gesellschaftlichen Anlässen wird erwartet, daß man "angemessen" gekleidet ist. Der Kleidungscode spielt hier eine wichtige Rolle. Es sei hier darauf hingewiesen, daß in einer pluralen Gesellschaft, wie der unsrigen, gerade der Kleidungscode zur Kolportierung politisch-sozialer Überzeugungen und Einstellungen genutzt wird. Dem unvoreingenommenen Beobachter wird auffallen, daß mit der Uniformität des Kleidungscodes bei bestimmten gesellschaftlichen Anlässen, eine Unifomität des Denkens einhergeht. Der Kleidungscode der "grauen Kirchenmäuse" scheint diese Beobachtung zu bestätigen.

Mit dem Wort "angemessen" ist auch die Assoziierung mit der Redewendung von der "angemessenen Lautstärke" durchaus möglich. Im Bild gesprochen: Ein Schieberegler zur Regulierung der Lautstärke. Vielleicht muß man sich den pseudo-psychiatrischen, kirchlichen Ausdruck "angemessene Wahrnehmung der Wirklichkeit" wie einen solchen Schieberegler vorstellen. Alles was unterhalb der eingestellten Wahrnehmungslautstärke liegt ist nicht "angemessen", weil zu leise und alles, was darüber liegt ist nicht "angemessen", weil zu laut. Darüber hinaus läßt sich selbstverständlich der kirchliche Wahrnehmungsschieberegler auch sehr individuell verstellen, um die Wirklichkeit des Pfarrers/der Pfarrerin zu verändern. Der "Zimmerlautstärke-Pfarrer" ist das Idealbild.

III. "Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen?" (Lk. 6,39)

Hauptsache, uns geht's gut!

Eine erstaunliche Beobachtung: Da diskutieren einige Pfarrer über die Beschwernisse in Ihrem Beruf, über zu wenig Freizeit und darüber, daß doch eine verbindliche Freizeitregelung in das Pfarrerdienstgesetz aufgenommen werden sollte. Da wird Klage geführt, über zu wenig Zeit mit der Familie, Klage auch darüber, daß man "ausgepowert" ist, keine Kraft mehr hat, innerlich leer ist, man nicht mehr zuhören kann, weil alles zuviel ist. Und gerade, wenn das Gespräch an einen Punkt geraten ist, an dem ein wenig die Masken, die wir im gesellschaftlichen und kirchlichen Zusammenhang tragen, gelüftet werden könnten, sagt einer: "Ich weiß gar nicht, was wir uns beklagen, uns geht's doch gut! Wir können anderen Menschen helfen, wir können selbständig arbeiten und werden gut bezahlt." Zumeist bringen Kollegen mit KSV Ambitionen oder Landeskirchenräte dies vor. Und es wirkt immer: Fortan beklagt sich niemand mehr. Ja, das stimme. Man sei frei, es gehe einem gut und man werde gut bezahlt. Die Kritik ist verstummt. Die kirchlichen Übereltern lassen grüßen. Konstruktive Kritik hat mit einer solchen Schere im Kopf keine Chance. Mich erinnert dieses Verhalten an die Morlocks in dem Filmklassiker "Die Zeitmaschine": Der Held des Films gelangt mit seiner Zeitmaschine in die weite Zukunft. Er trifft dort auf Menschen mit schönen Gesichtern und gut gewachsenen Körpern. Die Menschen scheinen, wie im Paradies zu leben: große, weite Landschaften, Früchte an allen Bäumen, viele Bademöglichkeiten in klaren Seen, phantastisches Wetter - alle scheinen glücklich zu sein - lachen, spielen, tollen herum. Der Filmheld ist begeistert und möchte an diesem paradiesischem Ort bleiben. Plötzlich ertönt eine Sirene. Die Gesichter der Menschen verfinstern sich, werden steinhart und alle Menschen bewegen sich in einem langen Strom, wie von unsichtbarer Hand gezogen, auf ein großes Tor zu. Sie gehen, aber nur solange, wie die Sirene ertönt. Dann schließt sich auch wieder das Tor und alle, die nicht hindurch mussten, sind wieder so fröhlich und ausgelassen wie zuvor. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrmals täglich. Der Filmheld will das Geheimnis dieses seltsamen Spuks ergründen. Und er macht eine schlimme Entdeckung: Hinter dem Tor, in das die Menschen beim Sirenenklang hineinströmen, herrschen in unterirdischen Gängen die Morlocks - grausame Monster, die die Menschen programmiert haben und denen sie zur Nahrung dienen. Niemand wehrt sich, wenn er von den Morlocks zur Schlachtbank geführt wird. Der Filmheld nimmt den Kampf auf und erweckt Widerstandskraft bei den Menschen. Sie setzen sich zur Wehr. Der schwerste Kampf aber ist der Kampf gegen die Wirkung der Sirene. Ein spannender Film. Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Schluß

Ja, ich denke, wir müssen viel mehr auf die Sprachmuster achten, die in der Kirche benutzt werden, die wir selbst vielleicht zuweilen auch benutzen, weil wir sie sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen haben.Mag sein, daß meine Sprache nicht stimmt. Aber das, was ich in meinem Abberufungsverfahren und auch jetzt noch in den Verwaltungsstreitigkeiten erfahren und gehört habe, ist eine Sprache, die möchte ich auch gar nicht lernen - meiner Seele zuliebe.

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