Wer warnt die jungen Leute?

Es gibt Zusammenhänge, die versteht man nicht sogleich. So kann es jemandem ergehen, der vom Vorhaben der württembergischen Landeskirche in dem Bericht der Südwestdeutschen Zeitung vom 24.07.2000 liest.

"Die Landeskirche ködert Abiturienten - Studentenzahlen in Theologie drastisch gesunken ­- Spätere Einstellung garantiert

Stuttgart. Der evangelischen Landeskirche in Württemberg fehlt es an Nachwuchs. Die Zahl der Studienanfänger im Fach Theologie ist stark zurückgegangen. Nun will die Kirche mit einem Brief an Elft- und Zwölftklässler für den Pfarrberuf werben.

Priestermangel gab es bisher nur auf katholischer Seite. Die Protestanten kämpften dagegen mit zu viel Nachwuchs. Bis vor kurzem noch finanzierten einzelne Solidaritätsaktionen der angestellten Pfarrer die Umschulung von Theologen. Und die Landeskirche bemühte sich mit großen Aktionen, ihren Nachwuchs an die Wirtschaft zu vermitteln. Pfarrerehepaare teilten sich auch schon einmal eine Pfarrstelle.

Doch jetzt droht auch der evangelischen Kirche landesweit der Mangel. In diesem Jahr haben sich erst zehn Studierende in die Liste der württembergischen Theologiestudierenden aufnehmen lassen. Im Jahr 1982 waren es noch 196 gewesen. Die Liste umfasst alle, die eine Anstellung als Pfarrer im Bereich der Landeskirche anstreben. 1987 führte sie 1207 Namen auf, momentan sind es gerade noch 280. 'Schon jetzt ist absehbar, dass wir bald nicht mehr alle Vikariatsplätze besetzen können', sagt Oberkirchenrat Hans-Dieter Wille.

Deshalb lockt der Ausbildungsdezernent Abiturienten mit hervorragenden Berufsaussichten. Wer jetzt das Studium beginne, könne sicher sein, bei erfolgreichem Abschluss und festgestellter Eignung auch übernommen zu werden. Ähnlich wie der Ministerpräsident mit einem Brief an Schüler für IT-Berufe wirbt, will auch die Landeskirche vorgehen. Die evangelischen Oberstufenschüler sollen nach den Sommerferien ein Schreiben erhalten, das ihnen die rosigen Aussichten vor Augen führt. Das ist eine einmalige Aktion in der Geschichte der Landeskirche. Daneben wird ins Tübinger Stift eingeladen.Allerdings gibt Wille zu, dass die Misere auch hausgemacht ist. Denn die Kirche hat viele junge Leute enttäuscht, die in den 80er und 90er Jahren in den Pfarrdienst strebten. Zeitweise wurde nur 30 Prozent der Absolventen eine Stelle angeboten. 'Das hat Wunden geschlagen, die bis heute nicht verheilt sind', sagt der Ausbildungsdezernent. Er spielt damit auf die Gefühlslage in den Gemeinden an. Denn 90 Prozent des Pfarrernachwuchses kommt traditionell aus den Parochien und war schon in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv.

Ein weiterer Grund für den mangelnden Nachwuchs sei das gesellschaftliche Klima, meint Oberkirchenrat Wille. Zum einen gebe es kaum noch ethisch brisante Themen wie in den 80er Jahren. Damals habe die Aufrüstungsdebatte oder die Diskussion um die Bewahrung der Schöpfung zum Boom des Theologiestudiums beigetragen. Daneben interessieren sich Jugendliche ­ das belegte die Shell-Jugend-Studie ­ kaum noch für kirchliche Fragen. Bei der vorherrschenden Fun- und Erlebniskultur erscheine die Kirche vielen als ein Relikt der Vergangenheit. 'Mancher Jugendlicher denkt sich da, ich bewerbe mich doch nicht auf einem Tanker, der unterzugehen droht.'

Der Ausbildungsdezernent hält dieser Auffassung entgegen, dass der Pfarrberuf nach dem Arzt und Professor der anerkannteste sei. Auf kaum einem anderen Posten genieße man eine vergleichbar hohe Reputation."

(aus: Stuttgarter Zeitung-Südwestdeutsche Zeitung vom 24.07.2000)

Wer warnt die jungen Leute?

Das Vorhaben der württembergischen Landeskirche, bei Oberstufenschülern für das Theologiestudium zu werben, verbunden mit dem Versprechen "bei erfolgreichem Abschluss und festgestellter Eignung auch übernommen zu werden", grenzt schon an Zynismus. Wie viele junge Leute wurden schon in der Vergangenheit mit ähnlichen Versprechen gelockt? Jeder bekommt eine Stelle. Und was ist daraus geworden? Ein zum Teil unbarmherziges Selektionsverfahren und der Kampf um die seltenen Stellen hat aber nur den angepasstesten Theologen eine Stelle verschafft. Alle anderen, die Ecken und Kanten und vielleicht auch eine Botschaft hatten, wurden aussondiert. Selbst Pfarrer, die seit Jahren und Jahrzehnten ihren Dienst treu erfüllten, standen wieder zur Disposition. Die Gemeindeleitungen verstanden die "Pfarrerschwemme" all zu oft als Aufforderung den alten Pfarrer durch einen neuen zu ersetzen, den aufsässigen durch den angepaßten, den politisch unliebsamen durch den unpolitischen, den theologisch konservativen durch den modernen ­ und die Kirchenleitungen spielten mit. Daß die Pfarrdienstgesetze der Landeskirchen dies unproblematisch, ohne Prüfung eines Verschuldens des Pfarrers über den sogenannten Gedeihlichkeitsparagraphen ermöglichen, kam und kommt den Bestrebungen mancher Leitungsgremien entgegen. Der Pfarrer hat keine Chance. Die so in Ungnade gefallenen Pfarrer haben für ihre weitere berufliche Zukunft schlechte Aussichten. Sie werden in der württembergischen Landeskirche zur Teilnahme an einem 'Umerziehungsprogramm' verpflichtet. Die Landeskirche nennt es "Begleitprogramm für Pfarrerinnen und Pfarrer im Wartestand". Wer nicht spurt, läuft Gefahr in den Ruhestand versetzt zu werden. Ein Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber ist wegen der spezialisierten Ausbildung nicht möglich. Selbst in eine andere Landeskirche (es gibt derer 24 an der Zahl) kann in der Regel nicht gewechselt werden. Das informelle System der Landeskirchen untereinander sorgt für das Übrige.

Die Landeskirchen berufen als Körperschaften des öffentlichen Rechts ihre Pfarrer in Anlehnung an öffentlich-rechtliche Dienstverhältnisse, um nach aussen hin eine dienstrechtliche Solidität zu demonstrieren. Jedoch ziehen sich die Landeskirchen im Streitfall immer darauf zurück, ihre Rechtsangelegenheiten, wie im Grundgesetz vorgesehen, selbst regeln zu dürfen. Öffentliche Gerichte erklären sich daher für nicht zuständig. Die eigens von der Kirche selbst eingerichteten Rechtszüge können nur als äußerst ungenügend bezeichnet werden und entsprechen den Anforderungen an eine öffentlich-rechtliche Verwaltungsgerichtsbarkeit auch bei gutem Willen lediglich schemenhaft. Erst recht kann man nicht von der Unabhängigkeit solcher Gerichte reden. Die, die die Gesetze machen, wenden sie auch an.

Die kirchlichen Verlautbarungen und Untersuchungen zu einem neuen Pfarrbild sowie die zahlreichen Aufsätze zu diesem Thema haben das Eine gemeinsam: Sie ignorieren beharrlich die Auswirkungen der für rigide Willkür offenen Pfarrdienstgesetze und der Kirchenordnung auf den Pfarrberuf, nehmen die juristischen Rahmenbedingungen unter denen pfarramtliche Tätigkeiten stattfinden nicht zur Kenntnis. Täten sie dies, das neuerdings zu beobachtende Schwelgen in idealisierten "Kompetenzen" würde schnell der Ernüchterung weichen. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich das für den Pfarrberuf so verstärkt betonte Eignungsskriterium "personale Kompetenz" ohnehin als höchster Grad der von Kirchfunktionären gewünschten Anpassung. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Pfarrer der Zukunft einen cw-Wert haben soll, der gegen Null tendiert.

An der Stelle von Rechtssicherheit finden sich die grossen Ermessensspielräume kirchenleitender Funktionäre (die selbst ja auch von Interessen geleitet sind) sowie pseudosoziologische und ­psychologische Begrifflichkeiten. Dringend erforderlich wäre eine Verbesserung des geltenden Rechts z.B. dahingehend, daß Pfarrer (mitsamt ihrer Familie) nicht erhebliche Nachteile erleiden können, obwohl sie keiner Dienstpflichtverletzung schuldig geworden sind. Dienstvorgesetzte Kirchenfunktionäre, die Pfarrer in ihrer Amtsführung bedrängen, können bislang leider nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Das sollte nicht so bleiben.

Wer warnt die jungen Leute?

Die Evangelische Kirche im Rheinland hat eine Beratungspflicht für Theologiestudierende eingeführt, um möglichst früh die "personale Kompetenz" der Studierenden einschätzen zu können. Verbunden damit ist natürlich auch, daß man auf diese Weise ­ entgegen allen Beteuerungen - bereits im Studium wichtige persönliche Informationen und Einschätzungen über spätere Bewerber für den kirchlichen Dienst erhalten kann.

Wer in den Vorbereitungsdienst der württembergischen Kirche aufgenommen werden will, muß sich einem Bewerbungsgespräch unterziehen, aufgrund dessen sich eine Kommission einen "Gesamteindruck" von dem Bewerber verschaffen und "prospektive Schlüsse bezüglich der Eignung der Pfarramtsbewerber und ­bewerberinnen" ziehen soll.

Allein diese beiden Beispiele legen das Vorhaben, junge Leute für das Theologiestudium zu umwerben, als trickreiche Variante offen, um weiterhin aus einer möglichst grossen Zahl von Bewerbern wählen zu können. Man darf diese Verfahren nicht vergleichen mit denen, die es in der Wirtschaft gibt. Dort hat der Studierende wesentlich mehr Möglichkeiten seine berufliche Zukunft zu gestalten. Wenn nicht bei dem einen Arbeitgeber, dann bei dem anderen. Das Theologiestudium ist eine Einbahnstraßen-Ausbildung in absoluter Abhängigkeit von der jeweiligen Landeskirche und dem zuständigen Dienstvorgesetzten. Diese Abhängigkeit nimmt auch mit erfolgter Einstellung nicht ab (siehe oben).

Wer warnt die jungen Leute?

Jung und voller Idealismus möchte man das Evangelium predigen, Menschen helfen und mitwirken an der Gestaltung der Gesellschaft. Wer sagt den jungen Leuten, dass man von ihnen Unmögliches verlangen wird, nämlich es allen recht zu machen? Wer sagt ihnen, dass sie sich darüber selbst verlieren, daran zerbrechen können? Wer sagt ihnen, dass man sie jahrelang in Supervisionen und Eignungsgesprächen beobachten wird, um möglichst viel über sie zu erfahren? Und wenn sie dann doch keine Stelle bekommen? Was will man mit einer so spezialisierten Ausbildung, wie es das Theologiestudium nun einmal ist, in einer modernen Kommunikations- und Leistungsgesellschaft anfangen? Und auch das Pfarramt entpuppt sich bei kritischer Betrachtung als Pulverfaß, das mit einem gewaltigen Knall den beruflichen Exitus bringen kann. Immerhin darf man nicht vergessen, dass der Pfarrer per Dienstgesetz mit von sehr persönlichen Interessen geleiteten Laien (Kirchengemeinderat) zusammenarbeiten muss, die quasi das für ihn zuständige 'Aufsichtsgremium' darstellen. In diesem Gremium hat er, trotz angeblicher Leitungsfunktion, nur 1 Stimme und eigentlich nichts zu sagen. Rückendeckung von seinen Dienstvorgesetzten wird er nicht erhalten. Eine hervorragende Voraussetzung für Mobbingvarianten aller Art.

Wer warnt die jungen Leute?

Das Kleingedruckte liest man meist nicht, kennt nicht die Details, weiß nicht, auf was man sich da einläßt. Voller Tatendrang hat der junge Mensch unter falschen Versprechungen auf einem grossen Tanker angeheuert, um die Welt zu erkunden. Indes droht der Tanker auf Grund zu laufen, müsste abgepumpt werden, um wieder fahrtüchtig zu werden. Um Gottes Willen, wer warnt die jungen Leute vor dem Tanker, dessen Kommandobrücke sie möglicherweise unter falscher Flagge, in die Katastrophe fährt?

Unsere Beratungsstelle unterstützt und vernetzt pastorale Helfer mit Informationen und Ressourcen ...

Mitglied werden können Theologinnen und Theologen, die anderen helfen und/oder Hilfe benötigen ...

Fördermitglied werden und Zeit oder Geld spenden kann jeder, der unsere Arbeit unterstützen möchte ...

JSN Mico template designed by JoomlaShine.com