Ein Brief an die Gemeinde

Pfarrer ***, ehemals: ***, ***; 3.10.1995

An die Gemeindeglieder der Ev. Kirchengemeinde *** und alle Interessierten

Sehr geehrte Damen und Herren !

Sie haben mich kennengelernt als Pfarrer des 2. Pfarrbezirkes der Evangelischen Kirchengemeinde ***. Dazu wurde ich vor dreieinhalb Jahren einstimmig vom Presbyterium (Kirchenvorstand) gewählt.

Ich habe seitdem meine Arbeit mit viel Engagement, Sorgfalt und Bescheidenheit getan. Ich denke, daß die Gemeindeglieder, Vertreter der Stadt *** und die katholischen Freunde das auch so angenommen haben. Nun bin ich ab dem 1.10.1995 nicht mehr Ihr Gemeindepfarrer, und ich möchte, daß Sie wissen, wie es dazu gekommen ist.

Am 16.1.1995 (17 Tage nach meiner Eheschließung mit der Organistin und Leiterin des Kinderchores *** unter großer Anteilnahme der Gemeinde) hat das Presbyterium in meiner Abwesenheit in einer Sondersitzung beschlossen, daß ich die Gemeinde verlassen soll. Gründe wurden mir nicht genannt. Am 17.2.1995 beschloß das Presbyterium gar meine "Abberufung" für den Fall, daß ich nicht bis zum 1.7.1995 freiwillig die Gemeinde verlassen habe. Wiederum erhielt ich auch auf mehrfache Nachfrage keine Angabe von Gründen.

Die Abberufung stellt faktisch die größte Bestrafung eines Pfarrers dar, da sie bedeutet, daß man aus seiner Pfarrstelle abberufen wird, also die Pfarrstelle verliert. Zu entscheiden hat darüber letztlich das Landeskirchenamt in Düsseldorf. Dieses hat jedoch noch nie den Abberufüngs-Beschluß eines Presbyteriums abgewiesen.

Für meine Frau und ich waren dies unglaubliche Vorgänge. Wir haben uns beide sehr in der Gemeinde eingesetzt und unseren Dienst auch mit Freude getan. Nie gab es aus der Gemeinde Widerstand oder Ablehnung. Gottesdienste, Taufen, Trauungen, Beerdigungen, Verwaltung, ökumenische Aktivitäten, Gemeindefest, Osterfrühstück, Angebote der Erwachsenenbildung (Vorträge, Gesprächsabende, Ausstellungen, Konzerte, Ausflüge), Konfirmandenunterricht, Frauenhilfe, Kindergottesdienst, Gemeindebriefgestaltung, Asylarbeit, Sitzungen und Ausschüsse leiten in beiden Pfarrbezirken und vieles mehr gehörte zu den Aufgaben, die ich gerne getan habe. Meine Frau hat ebenfalls ehrenamtlich viel investiert. Das meiste geschieht ja auch unauffällig und im Hintergrund. Vorbereitungen und Planungen, Hausbesuche oder Gespräche sind ja für die meisten gar nicht sichtbar, sind aber trotzdem wichtig und erfordern Kraft und Zeit.

Dennoch die unfaßbaren Beschlüsse des Presbyteriums. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: wenn ein Pfarrer einem anderen Pfarrer nicht willfährig und genehm genug erscheint, so kann dieser zweite Pfarrer, noch dazu wenn er das Amt des Superintendenten (eine Art "Bischof" für einen Kirchenkreis) inne hat, den unliebsamen Pfarrkollegen heutzutage leicht durch eine Verleumdungskampagne beseitigen. Er kann durch gezielte Streuung von Unwahrheiten eine Atmosphäre vergiften, sodaß ein Presbyterium am Ende selbst an die Unwahrheiten glaubt. Damit durch das offensichtliche Unrecht, das da geschieht, aber keine allzu große Unruhe in der Gemeinde entsteht, reicht es, den Pfarrer "kalt zu stellen", ihn zu beurlauben und ein paar einflußreiche Gemeindeglieder zu besuchen, um diesen klarzumachen, daß der betroffene Pfarrer doch "untragbar" für die Gemeinde sei. So ist es in meinem Fall geschehen.

Nie habe ich in den Sitzungen, in denen ich darum gebeten hatte, irgendwelche Gründe vom Presbyterium schriftlich oder mündlich vorgetragen bekommen, was man mir vorzuwerfen habe. Aus zweiter Hand weiß ich, daß der Pfärrkollege Superintendent *** die Behauptungen verbreitet, daß ich die Finanzen nicht korrekt verwaltet, daß ich meinen Dienst nicht getan habe, mich mit den Mitarbeitern nicht verstehen würde, faul und "unprofessionell", für die Gemeinde nicht "tragbar" wäre, die Wirklichkeit nicht wahrnehmen würde und als Pfarrer ungeeignet sei. Abgesehen davon, daß ich schriftlich und vom Rechnungsprüfer des Kirchenkreises bestätigt vorlegen kann, daß die Finanzen in meiner Zeit absolut korrekt verwaltet worden sind, habe ich in meiner Arbeit so viel positive Resonanz aus der Gemeinde bekommen, um diese unglaublichen Behauptungen meines "Kollegen" *** widerlegen zu können.

Aber es gab für mich und meine Frau keine Chance der Gegenwehr. Vom Fall "Pfarrer X aus Y", dessen Abberufung Pfr.*** erfolgreich betrieben hat, zwei Jahre vor dessen Pensionierung, wissen Sie wahrscheinlich selbst, daß all die Bemühungen der Gemeindeglieder, die ihren Pfarrer behalten wollten, mit Unterschriftensammlung, Demonstrationen, Gemeindeversammlungen, Radio- und Zeitungsberichten nichts genützt haben. Der Macht eines Superintendenten ist nicht beizukommen. Das Landeskirchenamt stellt sich zudem auf die Seite der Ankläger, ohne auch nur ansatzweise die vorgebrachten Anklagen und Behauptungen auf ihre Wahrheit hin zu überprüfen.

So waren die Lügen und Intrigen in der Welt. Erfundende Beschuldigungen waren urteilsbestimmend. Eine Gemeindeversammlung wurde vom Presbyterium abgelehnt. Da hätte ich ja die Wahrheit ans Licht bringen können. Keine Möglichkeit der Verteidigung, der Richtigstellung, der Rehabilitierung wurde mir gegeben. Die ausgestreuten Gerüchte - wie jedermann weiß - haben ihre Wirkung und lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Mein Ruf ist geschädigt, die Atmosphäre vergiftet.

Pfarrer *** aus dem Nachbarkirchenkreis *** schreibt: "Ich muß gestehen, daß die Vorgänge für mich einen schwer verdaubaren Tiefpunkt meiner Erfahrungen mit unserer Kirche darstellen ... ein richtig aufgeheizter Konflikt ... von mir belegbar, nachweislich erlogen und intrigant ... das Vorgehen des Presbyteriums ... offensichtlich maßgeblich gelenkt vom dortigen Superintendenten *** ist maßlos, zerstörerisch und im Kern ein Hohn auf geschwisterlichen Umgang in Liebe ... Es schadet nicht nur dem Betroffenen, Pfarrer *** und seiner Frau, es schadet unserer ganzen Kirche. Ich fühle mich zu diesem Urteil berechtigt als jemand, der die Integrität von*** vorbehaltlos bezeugen kann."

Um den vernichtenden Abberufüngsbescheid zu vermeiden und der Gemeinde eine weitere Schmutzkampagne a la *** zu ersparen, blieb mir keine andere Wahl, als selbst am 3.7.1995 den Antrag auf "Versetzung in den Wartestand" bei der Kirchenleitung in Düsseldorf zu stellen. Die zahllosen Gespräche mit anderen Betroffenen und kompetenten Personen hatten alle das gleiche Resultat: es ist aussichtslos auf den Gerechtigkeitsaspekt zu setzen; die Instanzen fragen nicht nach Gerechtigkeit; man kann nur danach streben, körperlich und seelisch gesund der Hetzkampagne zu entrinnen.

Ab 1.Oktober habe ich nun einen vorläufigen "Beschäftigungsauftrag im Wartestand" vom Landeskirchenamt erhalten, um den ich mich intensiv bemüht habe: ich erteile Religionsunterricht an der Berufsschule in ***. Meine Pfarrstelle habe ich also verloren, ich erhalte 25% weniger Gehalt, bin dem Wohlwollen des Landeskirchenamtes ausgeliefert. Gerechtigkeit und Wiederherstellung meines Rufes gibt es nicht.

Da mich das Presbyterium also wie einen Schwerverbrecher aus der Gemeinde gejagt hat, erhalte ich selbstverständlich auch keine Möglichkeit, mich von Ihnen, den Gemeindegliedem zu verabschieden. Daher habe ich diesen Weg gewählt, Ihnen schriftlich "Auf Wiedersehen" zu sagen und mich auch im Namen meiner Frau bei Ihnen für Ihr Vertrauen und alle guten Erfahrungen in der Gemeindearbeit zu bedanken. Den Presbytern ***, *** und *** sei gedankt, daß sie durch Ihren Rücktritt vom Presbyteramt Ihre Solidarität mit mir bekundet haben. Besonders dankbar bin ich auch den katholischen Kollegen und Gemeindegliedem für die gute Ökumene!

Ihnen alles Gute, Ihr

Pfr. ***, jetzt: *** P.S.: Da ich nicht allen schreiben kann, zeigen Sie dieses Schreiben bitte auch anderen. Danke.

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